Inzucht Pro & Contra

Boa constrictor Nachzuchten abzugeben

Angehende Züchter machen sich häufig Gedanken darüber, ob es aufgrund der Inzuchtproblematik ratsam ist, Tiere aus demselben Wurf bzw. Gelege zu erwerben.

Fakt ist, dass die erfolgreiche Verpaarung blutsfremder Tiere die genetische Vielfalt fördert und erhält. Leider werden reinrassige Riesenschlangen nicht so oft nachgezogen, dass man grundsätzlich sagen kann:

„Das Weibchen nehme ich von der Züchterin A und das Männchen kaufe ich beim Züchter B, um keine Inzucht zu betreiben“.

Meistens muss jemand, der sich für eine etwas seltenere Art oder Unterart von Boa oder Python interessiert froh sein wenn

a) überhaupt ein Züchter in Deutschland Glück hatte und

b) von dem Wurf noch einige Tiere verfügbar sind

Noch dazu ist es häufig so, dass Nachzuchten von verschiedenen Züchtern trotzdem aus derselben Blutlinie stammen und daher miteinander verwandt sind.

Fazit: Oft bleibt einem gar nichts anderes übrig, als blutsverwandte Tiere zu verpaaren. Das muss jedoch nicht unbedingt immer ein Nachteil sein.

Ein Faktor, der für die Verpaarung von Geschwistertieren bei Riesenschlangen spricht ist die größere Wahrscheinlichkeit des Zuchterfolges. Bei blutsverwandten Tieren kann man sicher sein, dass dieselben Paarungsauslöser (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftdruck usw.) vorliegen und die Tiere auch zur selben Zeit in Paarungsstimmung kommen. Die Vorfahren blutsfremder Tiere können aus unterschiedlichen Regionen desselben Verbreitungsgebietes sein und daher auch zu unterschiedlichen Zeiten in Paarungsstimmung kommen, bzw. unterschiedliche Paarungsauslöser haben. Ist dies der Fall, bleibt der Zuchterfolg aus.

Ulrich Sieling, einer der Pioniere der Zucht von reinrassigen Riesenschlangen in Deutschland (z. B. Boa c. occidentalis, Epicrates cenchria, Morelia viridis und Corallus caninus) erzählte dem Verfasser, dass er bis in die sechste (!) Generation immer wieder Geschwistertiere von Rosenboas (Lichanura trivergata trivergata) verpaart hatte, ohne dass es zu irgendwelchen Schäden gekommen wäre.

Im Gegenteil, meinte Herr Sieling in unserem Gespräch, die Nachzuchten seien von Generation zu Generation größer und kräftiger geworden und hätten höhere Wurfzahlen produziert. Auch mit Epicrates cenchria und Morelia viridis, bei denen er jeweils bis zur F3 Generation immer wieder Geschwister verpaarte, habe er ähnliche Erfahrungen gemacht.

Wie kommt das? Vielleicht bietet das Anfang Januar 2001 veröffentlichte Ergebnis einer Untersuchung britischer Wissenschaftler eine Erklärung. Diese hatten festgestellt, dass sich in einigen Fällen Inzucht auch positiv auswirken kann. Sie untersuchten das Erbgut einer kleinen nordenglischen Rinderherde. Diese so genannten Chillingham-Rinder sind bereits seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Aufzeichnungen zufolge sollen sie sich seit rund 300 Jahren nur noch untereinander gepaart haben.

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Die Genanalyse konnte diese Überlieferung bestätigen: Bei allen untersuchten Rindern waren 24 von 25 genetischen Markern identisch. Bei einer normalen Herde hätte es höchstens 18 Übereinstimmungen gegeben, meinte einer der Forscher. Demnach könnte man die Chillingham-Rinder schon fast als Klone bezeichnen.

Trotz dieser massiven Inzucht sind die Rinder aber gesund und pflanzen sich weiter fort. Die Forscher glauben daher, dass die Inzucht in diesem Fall zu einem Verlust ungünstiger Genvarianten geführt hat (Quelle: Nature, Vol. 409, No. 6818, 18.1.01, p 303 / New Scientist, 18.1.01).

Herr Sieling wies ferner mit Recht darauf hin, dass Riesenschlangen sehr standorttreu seien und es deshalb auch in der Natur wohl häufig zur Fortpflanzung zwischen blutsverwandten Tieren kommen würde. In diesem Zusammenhang ist auch an die vielen Inselformen bei Boas und Pythons zu denken. Diese haben aufgrund ihres isolierten Daseins auch keine Gelegenheit, ihren Genpool aufzufrischen und erfreuen sich trotzdem bester Gesundheit und Vitalität, solange sie keinem Vertreter der Gattung Homo sapiens über den Weg kriechen. Ulrich Sieling ist übrigens nicht der einzige, der Geschwisterverpaarung bis in die dritte Generation und mehr betrieben hat, ohne dass irgendwelche Schäden auftraten. Ein Bekannter von uns praktizierte dasselbe mit Acrantophis dumerili. Auch hier waren alle Nachzuchten völlig gesund.

Es wäre überhaupt darüber zu diskutieren, ob bei Riesenschlangen, die ja entwicklungsgeschichtlich auf einem viel niedrigeren Niveau stehen als Säugetiere, die Inzuchtproblematik  in demselben Umfang zu tragen kommt wie bei den Säugern.

Es gibt aber auch ein Negativbeispiel, das wir nicht verschweigen wollen. Dass Inzucht auch bei Reptilien im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge gehen kann, wenn man es maßlos übertreibt, zeigen Vorkommnisse in den USA. Dort werden in letzter Zeit vermehrt einäugige „Albino“ Boa constrictor geboren. Ursache hierfür ist zweifellos ein fehlerhaftes Gen, das durch massive Inzucht zum Tragen kam und weite Verbreitung fand.

Das ist nämlich der springende Punkt: Befindet sich in der Erbmasse eines Tieres ein fehlerhaftes Gen, so muss sich dieses bei der Fortpflanzung nicht unbedingt in den Nachkommen manifestieren. Es kann auch wieder verschwinden, wenn das Erbmaterial mit dem eines „erbgesunden“ (wir schreiben das jetzt mal so) Tieres vermischt wird. Anders verhält es sich wenn blutsverwandte Tiere, die beide über dieses fehlerhafte Gen verfügen, miteinander Junge haben. Dann kann es durchaus sein, dass die Nachzuchten Schäden aufweisen.

Dass so etwas ausgerechnet bei amelanistischen (sog. „Albino“) Boa constrictor aufgetreten ist, nimmt nicht wunder. Hier wurde aus reiner Profitgier das ganze Augenmerk darauf gerichtet, so schnell wie es nur geht eine möglichst große Anzahl solcher Tiere zu produzieren, um „Kohle zu machen“.  Und der ideale Weg hierzu ist eben Inzucht bis zum Exzess. Wir wollen nicht vergessen zu erwähnen, dass manche Schlangenhalter jenseits des großen Teiches sogar noch verrückt nach diesen Missgeburten sind. Im Abschnitt "Designerboas" erfahren Sie, was die „Züchter“ dort drüben sonst noch alles produzieren und wie der Geschmack der breiten Masse der Terrarianer in den USA aussieht.